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Opulente Traum-Welten: "Inception" von Christopher Nolan **
am 03-08-2010 11:23


Ausladender Action-Film im Milieu globaler Industrie-Spionage. Dom Cobb (ueberzeugend: Leonardo di Caprio) besitzt die Faehigkeit, sich in die Traeume anderer Menschen einzuschleichen und damit zugleich in deren Unterbewusstsein. Auch sein kleiner Mitarbeiterstab teilt mit ihm diese Faehigkeit - man traeumt gemeinsam oder parallell. Von einem japanischen Industrie-Magnaten (Ken Watanabe) erhaelt Cobb den Auftrag, dessen groessten Konkurrenten, das amerikanische Unternehmen Fischer auszuschalten, indem er dessen Wirtschafts-Imperium zerstoert. Denn Cobb vermag nicht nur in fremde Traeume einzudringen, sondern wagt in diesem Fall ein Experiment: naemlich in den Traum des Sohnes und Erben den Gedanken einzuschleussen, nach dem zu erwartenden Tod des alten Fischer, das geerbte und uebernommene Wirtschafts-Imperium aufzuloesen. Als Lohn erhaelt Cobb die Wiedereinreise-Genehmigung in die USA, die er als vermeintlicher Moerder seiner gestorbenen Frau (Marie Cotillard) verlassen musste  - die in Wirklichkeit jedoch Selbstmod beging , wobei er sich an diesem Suicid moralich schuldig fuehlt - , um dort seine heissgeliebten beiden Kinder wieder in seine Arme schliessen zu koennen.
Diesen etwas biederen Plott aus Sience-Fiction-Maerchen und Psycho-Thriller, aus Spionage-Krimi und Ehe-Drama setzt der britisch-amerikanische Regie-Star Christopher Nolan ("The Dark Knight", "Batman Begins") mit grossem Aufwand und Raffinement brilliant in ueppige Bild-Sequenzen um. Entsprechend der Story laesst Nolan die Traum-Bilder dominieren, die reale Welt bleibt fast ausgespart, was dem Film seinen besonderen Reiz garantiert, indem er Unmoegliches dadurch wahrscheinlich erscheinen laesst. Wilde Verfolgungs-Jagden unter Dampf- und Feuerbaellen, Kampf- und Action-Szenen im Auto auf den regennassen Avenues von L.A. oder mit seltsam-panzeraehnlichen Gefaehrten in tief verschneiten Bergen, quer durch afrikanische Markt-Gassen oder in den raffiniert-verspiegelten Strassen von Paris, die sich gelegentlich wie ein Butterbrot hoch- und uebereinander-zu klappen scheinen - die beeindruckende Aufloesung der Perspektiven im Traum. Und zwischendurch taucht immer wieder - sozusagen in Cobbs Unterbewusstsein - seine verstorbene Frau mit traenenumflortem Blick oder die beiden niedlich-kleinen Kinder auf der Spielwiese auf, allerdings mit abgewendeten Gesichtern.
Die Schau- und Show-Effekte dominieren, sind brillant und verblueffend zugleich, doch - der filmischen Traum-Behauptung zum Trotz - besitzen sie keinen doppelten Boden oder parabelhaften Hintergrund. Alles bleibt Oberflaeche: sehr glatt und schick arrangiert, sehr tempo - und abwechslungsreich geschnitten, von droehnend-dramatischem Orchester-Sound untermalt - Action-Kino in technisch-intelligenter Best-Form, aber intellektuell wie emotional eher bescheiden: diese Traeume, so abenteuerlich und fantasiereich sie optisch auftrumpfen,  beruehren kaum und bleiben blass. Fazit: tolle Verpackung. schlichter Inhalt.

Letztes Update: 03-08-2010 13:51

 
Unterdrueckte Gefuehle: "Du sollst nicht lieben" von Haim Tabakman ****
am 01-06-2010 10:54


Ein orthodoxes Stadtviertel in Jerusalem. Aaron (Zohar Strauss) uebernimmt nach dem Tod seines Vaters dessen kleine Metzgerei. Mit seiner Frau und drei kleinen Kindern fuehrt er das bescheidene Leben eines streng glaeubigen Juden zwischen Arbeit und Gebet, zwischen Familie und Bibel-Schule. Bis er eines Tages Ezri (Ran Danker) als Lehrling aufnimmt und sich in den froehlich-freundlichen, jungen Mann verliebt - erstaunt und verwundert ueber sein ploetzlich aufbrechendes Gefuehl. Eine leidenschaftlich-sexuelle Beziehung beginnt, die es nach den religioesen Regeln gar nicht geben darf - zunmindest fuer Aaron, waehrend Ezri mit seinem Schwulsein und den orthodoxen Geboten keine Schwierigkeiten zu haben scheint.
Doch das Verhaeltnis der beiden wird schnell von den Nachbarn erkannt, Aaron wird beschimpft und beleidigt, sogar zum Verlassen des Stadtviertels gedraengt,  waehrend seine Frau demuetig und sanft versucht, ihren Mann zu verstehen und ihn gleichzeitig fuer sich zurueck zu gewinnen. Als der aeussere Druck auf Aaron zu stark wird, er sich mit dem ihm gewogenen Rabbi zerstreitet, und erste Steine das Schaufenster der Fleischerei zerstoeren, verlaesst Ezri ohne grosse Worte den Stadtteil und verschwindet. Aaron, der seine Familie liebt und bei ihr bleiben will, andererseits aber durch Ezri erstmals aus seiner Gefuehlsstarre erwacht ist und dieses andere Leben nicht mehr missen moechte, geraet in eine phsychische Sackgasse, in der ihm auch keine Religion mehr helfen kann: er ertraenkt sich in jenem Tauchbad in der Naehe Jerusalems, in dem er erstmals von Ezris koerperlicher Attraktivitaet ueberrascht wurde und seine neuen Gefuehle entdeckte.
Ganz unpathetisch und direkt erzaehlt der israelische Regisseur Haim Tabakman diese Geschichte einer "amour fou",  die die Gefuehls- wie die Gedankenwelt des orthodoxen Juden Aaron auf den Kopf stellt; fuer den unerwartet alle Regeln und Rituale, nach denen sein Leben bisher verlief, ausser Kraft geraten. Ergaenzend wird in einer knappen Parallel-Handlung gezeigt, wie eine junge Nachbarin von ihrem Vater und fanatischen Glaeubigen gezwungen wird, auf ihren Geliebeten zu verzichten und stattdessen den von den Eltern ausgewaehlten Braeutigam zu heiraten. Dabei enthaelt sich Tabakman jeder billigen Polemik gegenueber dem orthodoxen Judentum - er zeigt nur scharf und genau, wohin religioese oder ideologische Maximen fuehren koennen, wenn sie nur um ihrer selbst willen errichtet und befolgt werden: wie sie zwangslaeufig zu Intolleranz und Unmenschlichkeit fuehren.
Hervorragende Darsteller und eine kluge, auf das Wesentliche konzentrierte Inszenierung ueberspielen auch einige allzu symboltraechtigen Einstellungen. Keine larmoyante Schwulen-Tragoedie, sondern eine filmische Reflexion ueber ideologische und moralische Regeln und ihre Grenzen.

Foto/ Verleih: Edition Salzgeber

zu sehen: Babylon Kreuzberg (OmU); Xenon (OmU); Broadway; Delphi; Filmtheater am Friedrichshain; International



Letztes Update: 01-06-2010 11:48

 
Kaprizioese Volten: "Vorsicht Sehnsucht" von Alain Resnais ****
am 28-04-2010 13:26


Zwei aeltere Menschen stehen im Mittelpunkt dieser leichtfuessigen, aber auch wildwuchernden Komoedie des 87-jaehrigen, franzoesischen Alt-Meisters Alain Resnais.
Marguerite ist Zahnaerztin in einer Kleinstadt, der nach einem Schuh-Einkauf in Paris die Handtasche geklaut wird. Georges scheint ein etwas muffeliger Pensionaer, der im Parkhaus, ihre (vom Dieb) weggeworfene Brieftasche findet - ohne Geld, aber gluecklicherweise mit allen
Papieren.
Eine bizarre Beziehung zwischen den beiden ungleichen Menschen beginnt: eigentlich findet man sich gegenseitig sehr symphathisch, andererseits glaubt jeder immer wieder sein sproede Seite zeigen zu muessen. Dabei ist Georges gluecklich verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und offensichtlich keine materiellen Sorgen,  Marguerite ist dagegen Single, teilt sich die Doppel-Praxis mit einer theaterbegeisteten Freundin und leistet sich das teure Vergnuegen einer Hobby-Pilotin.
Ein Katz- und Maus-Spiel zwischen Anziehung und Abweisen, immer erotisch grundiert, aber keine Sex-Komoedie, sondern ein raffiniertes, psychologisches Ping-Pong,  das Altmeister Resnais mit leichter Hand und sanfter Ironie erzaehlt.
Dabei mischen sich auf intelligent-lockere Art alltaegliche Kuriositaeten (etwa auf dem Polizeirevier, wo Georges die gefundene Brieftasche deponiert oder im naechtlichen Restaurant, wenn die Kellner das Verhalten der Gaeste kommentieren) mit den getraeumten Wunschvorstellungen der Protagonisten (der Kuss auf dem Flughafen, unterlegt mit der Hollywood-Fanfare von Fox und dem Schriftzug "Fin").
Resnais spielt virtuos mit all den Zaubertricks seiner Regiekunst, schwelgt in Farben (mal ganz grell-leuchtend, mal ganz pastell), kombiniert raffiniert Film-Schnitte mit Schwarz-Blenden, zitiert in Schrift und Bild liebevoll die Welt des alten Kinos (auch des eigenen).
Doch was waere selbst ein Resnais ohne seine hinreissende Darsteller-Familie, allen voran seine Frau Sabine Azema, kokett und charmant wie immer, diesmal mit leuchtendem Rotschopf, und Andre Dussollier als ebenso schrulliger wie eleganter Grandseigneur.
Der Ende dieser wildwuchernden (Originaltitel: Les herbes folles) Alters- und Liebes-Komoedie ist so kurios wie "franzoesisch-leicht": Marguerite fliegt in ihrem kleinen Privat-Flugzeug Georges und seine huebsche Frau ueber die bluehenden Landschaften der Ile-de-France, doch der klemmende Reissverschluss an Georges' Hose loest eine katastrophale Irritation aus. Und unten auf dem Feld wundert sich der pfluegende Jung-Bauer, ob denn die looping-schlagende Kunst-Fluege hier nicht verboten seien...
Foto/Verleih: SchwarzzWeiss
zu sehen: Cinema Paris OmU; Babylon Mitte; CinemaxX Potsdamer Platz; Die Kurbel; Passage


Letztes Update: 28-04-2010 14:08

 
Bunt und optimistisch: "Neukoelln Unlimited" von Agostino Imondi und Dietmar Ratsch ***
am 15-04-2010 12:03

Dokumentarfilm ueber die libanesische Familie Akkouch, die gegen ihre drohende Abschiebung kaempft.  Seit knapp 20 Jahren wohnt die - inzwischen vom Vater verlassene - Familie in Neukoelln , die kraenkliche Mutter lebt mit ihren sechs Kindern von der Sozialhilfe.
Im Mittelpunkt des Films stehen die Tochter Lial (19), die sich in der Ausbildung befindet, sowie die beiden aelteren Soehne Hassan (18), der sich aufs Abitur vorbereitet, und der 15jaehrige, immer wieder die Schule schwaenzende Maradona, das Sorgenkind der Familie.
Lial und Hassan versuchen auf Behoerden und bei sozialen Organisationen die Abschiebung zu verhindern, ihre begrenzten Aufenthaltsgenehmigungen zu verlaengern und die deutsche Staatsbuergerschaft zu erwerben. 2003 war die ganze Familie in schon einmal in den Libanon abgeschoben worden (im Film als gezeichnete Rueckblende zu erleben), aber nach kurzer Zeit wieder zurueckgekehrt.
Alle Kinder sind in Neukoelln aufgewachsen und haben sich - wie auch die Eltern - trotz ihres moslemischen Glaubens voll in die deutsche Gesellschaft integriert. Dies vor allem durch ihre musischen Taetigkeiten als Rapper und Hip-Hop-Taenzer. Zugleich kann Hassan mit einer Break-Dance-Gruppe in Berlin wie auf Gastspielreisen (u.a. in Paris) durch diese Shows einiges Geld verdienen, das der gesamten Familie zu Gute kommt, waehrend der wie ein kleiner Wirbelwind tanzende Maradona vom Fernsehn einen Talente-Vertrag bekommt. Und Lial lernt und verdient  zusaetzlich bei einem BoxerPromoter im Buero.
Der Film verzichtet auf jeden Off-Kommentar und laesst die drei Geschwister ihre Geschichten erzaehlen und nachspielen: frisch und unverkrampft;  die sehr sanftmuetig wirkende Mutter haelt sich dagegen mit ihren noch kleinen Kindern ganz im Hintergrund.
Zahlreiche, effektvoll-geschnittenen Tanz-und Musikszenen geben dem Film schmissigen Drive, die Dialog- und nachgespielten Szenen zeigen sehr deutlich:  einerseits die kaempferische Intelligenz der beiden aelteren Geschwister wie ihre vollkommenen Integration in die deutsche Gesellschaft, andererseits bieten sie - ohne zu ueberzeichnen - Einblicke in die meist freundliche aber umstaendliche und undurchschaubare Buerokratie der Berliner Behoerden.
Aeusserlich zeigt sich Neukoelln hier von einer attraktiven, gross-staedtschen Seite, seine Haeuser und Plaetze sind wie auf Hochglanz fotografiert, Schmuddeliges oder Randfiguren der Gesellschaft kommen nicht vor, der "soziale Brennpunkt" spielt kaum eine Rolle.
Die flott geschnittene Dokumentation kozentriert sich ausschliesslich auf Probleme der Familie Akkouch, sowohl inner-familiaer wie auf ihren Kampf um den Aufenthalts-Status, ohne zu verallgemeinern. Am (gluecklichen) Ende triumphiert eine grosse Multi-Kulti-Froehlichkeit, die die rauhe Wirklichkeit scheint allzu rosig gefaerbt.
Dennoch : ein in seiner unpathetischen Menschlichkeit symphatischer Film - ein Neukoelln trotz aller Probleme zum Wohlfuehlen.

Foto/ Verleih: GMfilms

zu sehen: Broadway; Filmtheater am Friedrichshain; Central Hackescher Markt; Neues Off; Movimanto; Passage; Sputnik u.a.



Letztes Update: 15-04-2010 12:38

 
Edle Klamotte(n): "A Single Man" von Tom Ford **
am 12-04-2010 21:09


Das Film-Debuet des amerikanischen Mode-Designers Tom Ford  -  ebenso hochgelobt wie seine diversen Fashion-Collections. Es handelt sich dabei um die ziemlich buchstabengetreue Verfilmung des Romans "Der Einzelgaenger" (1964) von Christopher Isherwood, der einst durch seine Erzaehlungen "Goodbye to Berlin" (1939) bekannt und durch deren Verfilmung ("Cabaret", 1972) weltberuehmt wurde.
 "A Single Man" spielt in 1962 Los Angeles. Der College Professor George Falconer (Colin Firth)  hat seinen juengeren Lebensgefaehrten Jim (Matthew Goode),  mit dem er 16 Jahre gluecklich zusammenlebte, durch einen Autounfall verloren. Verzweifelt denkt er an Selbstmord, von dem ihn auch seine langjaehrige Freundin Charley (Julianne Moore)  nicht abhalten kann. Erst die etwas aufdringliche Annaeherung seines jungen, sexuell attraktiven Studenten Kenny (Nicholas Hoult)  bringt ihn von seinem Vorhaben ab. Doch in diesem neuen, hoffnungsvollen Moment ereilt ihn ein toedlicher (Herz-)Schlag.
Tom Ford hat diese etwas betuliche Schwulen-Romanze mit allen technisch-formalen Raffinessen des aktuellen Hollywood-Kinos visuell effektvoll umgesetzt. Kunstvoll-ausgeleuchtete Tableaus, elegante Kostueme in Stil der 60er Jahre, geschickte Schnitte und farbliche ausgekluegelte Abstufungen der Bild-Sequenzen, dazu zwei herausragende Darsteller (Colin Firth - natuerlich in perfekt sitzenden Anzuegen der Modemarke Tom Ford - und Julianne Moore), ein paar Dokumentar-Aufnahmen und zeittypische Musik-Einspielungen - doch all der intellektuelle und aesthetische Aufwand vermag ueber die anaemische Story und ihre larmoyant vorgetragene Attituede kaum hinwegzutaeuschen - eine kunstgewerbliche Love-Story im edlen und teuren Schwulen-Milieu der kalifornischen Upper-Class. Eine geschmaecklerisch-schicke Schaumschlaegerei.

Foto/Verleih: Senator

zu sehen: CineStar Sony Center (OV); Hackesche Hoefe (OmU); Odeon (OmU); CinemaxX Potsdamer Platz; Titania Palast; Delphi; International; Filmtheater am Friedrichshain; Kulturbrauerei; Yorck



Letztes Update: 12-04-2010 21:48

 
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