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Ein Klassiker in Top-Form: Wiederaufnahme von "Die Bajadere", jetzt in der Deutschen Oper ****
am 23-06-2010 11:58


Die tragische Liebesgeschichte der indischen Tempeltaenzerin Nikia zu dem beruehmten Krieger Solor, der seinerseits aus Standesgruenden die Tochter eines Maharadschas heiraten soll, ist ein typisches Ballett-Maerchen des 19.Jahrhunderts: voll farbig-fantastischer Exotik, gesehen durch die romantisch-verklaerende Brille der Kolonialzeit. Zugleich ist "Die Bajadere" ein Klassiker des zaristischen Ballett-Theaters, erfunden vom beruehmtesten Choreographen seiner Zeit,  Marius Petipa.
Seltsamerweise erlebte das ausladende Tanz-Maerchen erst 1980 seine erste vollstaendige Auffuehrung im Westen,  2002 inszenierte es Vladimir Malakhov mit grossem Erfolg an der Staatsoper Unter den Linden. Jetzt wurde die "Bajadere" - nach einigen Jahren Pause und bedingt durch die mehrjaehrige Schliessung und Sanierung des Hauses Unter den Linden -  in die Deutsche Oper an der Bismarckstrasse verpflanzt.
Erneut erweist sich die Produktion als grosser Erfolg beim Publikum und als kuenstlerischer Triumph fuer das Staatsballetts: sicherlich die ueberzeugendste Inszenierung von Vladimir Malakhov, der mit seinen letzten klassischen Choreographien (Dornroeschen, La Peri) weniger Glueck hatte. Hier passt alles zusammen: die stringent erzaehlte Geschichte, klare und punktenaue Pantomime, geschickte Abwechslung attraktiver Ensemble- und ausgefeilter Duo-und Solo-Nummern, praechtige Buehnenbilder und Kostueme (Jodi Roig) und vor allem eine behutsam-ergaenzende Choreographie der Petipa'schen Vorlage.
Hoehepunkt ist der beruehmte 3.Akt, der - bekannt unter dem Titel "Das Reich der Schatten" -  das klassische Ballett in Reinform praesentiert: vom Auftritt der nacheinander sich folgenden Taenzerinnen im weissen Tutu und ihrer streng-geometrischen "Chorusline" bis zu dem wunderbar ausschwingenden Pas-de-Deux von Nikia und Solor mit seinen artistischen Raffinessen : Inkunabel russischer Tanzkunst und Vorbild fuer die (spaeteren) "weissen" Akte in "Schwanensee".
Getanzt wird auf hoechstem (technischen) Niveau - hier braucht Malakhov's Berliner Kompanie keinen internationalen Vergleich zu scheuen. Es gibt exzellente Auftritte der keineren Formationen und mitreissende Kurz-Szenen (die drei weiblichen Schatten, der Goldene Gott), vor allem aber brillieren Elena Pris als elegante Rivalin und Gegenspielerin sowie Dmitry Semionov als ein sehr maennlicher Solor, beeindruckend durch seine grosse Sprungkraft, wenn er auch als Darsteller etwas blass bleibt. Die Krone aber gebuehrt Beatrice Knop; eine in jeder Bewegung vollendete Bajadere, die - allein mit ihrem Koerper und trotz der strengen Tanzsprache -  das ganze Drama einer grossen, enttaeuschten Liebe ueberzeugend und anruehrend ausdrueckt. Und so auch die Kluft zwischen dem stark formal-korsettierten Ballett des 19.Jahrhunderts und dem eher psychologisierenden Tanzgefuehl von heute zu ueberbruecken vermag.
Der Klasse-Abend eines Klassikers.

Foto: Monika Rittershaus/Staatsballett Berlin

naechste Vorstellungen:1.und 4.Juli 2010



Letztes Update: 24-06-2010 08:56

 
Aufgeplusterte Show : "La Perichole" in der Komischen Oper **
am 07-06-2010 13:00

"La Perichole" ist sicherlich nicht das staerkste Werk von Jacques Offenbach - auch wenn die Musik nach wie vor elegant und spritzig wirkt. Aber die Geschichte von der armen Strassen-Saengerin im Peru des 18.Jahrhunderts, die zur Maetraesse des boese-vertrottelten Koenigs aufsteigt und trotzdem ihren geliebten Kollegen Piquillo durch einen Trick zum Ehemann bekommt, ist ebenso verzwickt wie duenn. Zumal wenn fuer die Titelrolle kein Super-Star zur Verfuegung steht (wie etwa Dagmar Manzel im BE), der durch seine Persoenlichkeit die quirlig-verquaelte Story herausreissen koennte.
Die Komische Oper setzt deshalb auf den hochgeschaetzten Schauspiel-Regisseur Nicolas Stemann und dessen Begabung, aus scheinbar unspielbaren Texten theatralisch-intelligente Funken zu schlagen (wie zum Beispiel in der gerade zum Theatertreffen eingeladene Jellinek-Produktion "Das Geld des Kaufmanns"). Leider erfuellt sich die Erwartung kaum: dafuer stopft Stemann das satirisch unterfuetterte Werk mit Ideen und Einfaellen so voll und zu, dass am Ende nur ein auf der Stelle rotierender "Kessel Buntes" uebrig bleibt. Nervige Moderatoren und dauer-laechelnde Girls parodieren alberne TV-Shows, eine Perichole in ueppiger Glitzer-Robe und vor einer Wandkulisse, die den Neo-Barock des Zuscherraums der Komischen Oper imitiert, ironisieren die falsche Operetten-Seligkeit, ein Schauspieler mit roter Fahne und alt-sozialistischem Gedankengut verhohnepiepelt politisches Thesen-Theater und auch Offenbach kommt nicht ganz ungeschoren davon, wenn seine Musik immer wieder mit Richard Wagners "Tristan"-Vorspiel konterkarriert wird. Dazu viele Peruecken, Strass-Klamotten, ein Koenig in Lack und Leder, bunte Gluehlaempchen und kreiselnde Scheinwerfer sowie endlos sich wiederholende Running-Gags: wie beispielsweise die Wuensche der Moderatoren ans Publikum vor fast jeder Gesangs-Nummer: "Viel Vergnuegen"!
Es gibt auch ein paar gute Einfaelle - der verblueffende Beginn des Abends mit dem Tristan-Vorspiel und der leeren Buehne im magischen Gegenlicht oder der Schluss, wenn die zunaechst Erschossenen sich wieder erheben und ein zynisch-froehlischen Operetten-Ende feiern. Doch diese theatralisch-klugen Momente versinken rasch in der langen und auch langweilenden, pseudo-kritisch aufgemotzten Operetten-Show.
Grosser Lichtblick des Abends sind das Orchester und sein Dirigent Markus Poschner. Sie spielen Offenbach so temperamentgeladen und schwungvoll, so elegant und mitreissend wie man das nur selten in Berlin hoert. Der Chor (in haesslich-grauen Jogging-Klamotten) steigert sich: nach zu lautem Beginn mausert er sich  zum lebhaft mitspielenden und frischklingenden Ensemble. Roger Smeets spielt mit Verve den fies-doofen Koenig und erweist sich dabei als Vollblut-Komoediant - eine flotte Knallcharge, die kaum zufaellig an den beruehmten Bobeche aus Felsensteins "Ritter Blaubart" erinnert. Mit kraeftigem Tenor und beweglichem Spiel zeichnet Johannes Chumm den eifersuechtigen Liebhaber Piquillo, wahrend Karolina Gumos als Perichole zwar gefaellig singt und immer gute Figur macht - jedoch ohne jeden Pepp.
Waere nicht Offenbach's prickelnde Musik - ware es ein verschenkter Abend.

Letztes Update: 07-06-2010 13:37

 
Ein Triumph fuer Desdemona: "Otello" in der Deutschen Oper ****
am 03-06-2010 12:13


Eigentlich muesste diese Neu-Inszenierung von Verdis spaeter Oper  "Desdemona"  heissen, denn die grandiose Verkoerperung dieser Figuer durch die Sopranistin Anja Harteros macht den Abend zum aussergewoehnlichen Ereigniss -  nicht der Otello des routiniert-auftrumpfenden Jose Cura und schon gar nicht die mit Spannung erwartete, erste Berliner Opern-Regie des Oberspielleiters des "Deutschen Theaters" Andreas Kriegenburg.
Kriegenburg und sein Ausstattungs-Team verlegen die Handlung in ein heutiges Fluechtlingslager: in einer siebenstoeckige Wand aus kleinen Einzel-Zellen hausst und wusselt mediterranes Prekariat, klettert Bettenleitern hoch, glotzt auf TV-Mattscheiben. Akustisch ist das Arrangemant zwar guenstig und der riesige Chor droehnt dadurch maechtig (und leider auch oft zu laut) direkt ins Publikum: szenisch aber ist es ein unsinniger, und visuell ein langweiliger Leerlauf.
Sehr viel ueberzeugender gelingen Kriegenburg dagegen die intimen Szenen wie das Liebesduett (das hier im Schlafzimmer stattfindet), die fast agressive Auseinandersetzung zwischen Otello und Desdemona zu Beginn des 3.Akts sowie der dramatisch-toedliche Schluss. Hier dominiert ein schnoerkelloses, schlichtes Kammerspiel mit klarer Zeichnung der Figuren und mit klugen Einfaellen - etwa das zerissene und zum Strick verknuepfte Taschentuch, mit dem Desdemona an den Bettpfosten gefesselt wird, oder der Verzicht auf jedes Buehnen-Blut beim Doppel-Mord. In diesen Szenen verzichtet Kriegenburg weitgehend auch auf alle in diesem Musik-Drama ueblichen Inszenierungs-Klischees.
Bei solch insgesamt aber unausgewogener Regie konzentriert sich das Interesse fast ausschliesslich auf Saenger und Orchester. Nach einer Dirigenten-Absage uebernahm kurzfristig der Amerikaner Patrick Summers aus Houston die musikalische Leitung:  und er erweist sich als tuechtiger Kapellmeister, der das konzentriert spielende Orchester zu Bestform befluegelt: praezise und machtvoll in den gossen Chor-Ensembles,  klangfein und delikat in den lyrischen Szenen.
Als eher jovialer, denn als boesartiger Jago verfuegt Zeljko Licic ueber einen prachtvollen Bariton, dem es lediglich ein bisschen an "daemonischer Schwaerze" fehlt,  und Jose Cura als Otello in kakifarbener Uniform mit Hosentraegern beeindruckt  dank seines imposanten Auftretens und seines staehlernen Heldentenors  - trotz einiger unsauberen Toene -  durch eine packende Gesamtleistung.
Ueberragt werden beide Saenger aber von Anja Harteros  - ihre Desdemona ist keine sanft-leidende Madonna, sondern eine sehr menschliche, attraktive junge Frau, die sich zunaechst gegen den falschen Verdacht der Untreue heftig wehrt, dabei aber immer auf Ausgleich mit dem geliebten Otello bedacht ist, und die erst am Ende etwas wehmuetig resigniert. Gesanglich von makelloser Schoenheit, leuchtend in allen Lagen, mit dramatischer Faerbung - eine Verdi-Saengerin von hohen Graden, die derzeit keine Konkurrenz in der gesamten Operwelt haben duerfte - und ein Glueck fuer den Juni-Spielplan in Berlin.
Foto: Barbara Aumueller/ Deutsche Oper Berlin

naechste Auffuehrungen: 4./ 8./ 10./ 13./ 24./ 27.Juni


Letztes Update: 03-06-2010 13:13

 
Superb musiziert: "L'etoile" in der Staatsoper ****
am 17-05-2010 12:22

Emmanuel Chabrier (1841-1894) hatte und hat als Opern-Komponist wenig Glueck, keines seiner Werke findet sich heute noch im Repertpoire goesserer Haeuser. Was zum gossen Teil an den Libretti liegt,  aber auch an Chabriers feingesponnener Musik, die mehr auf Eleganz und Raffinement als auf populaere, schlagkraeftige Melodien setzt.
Die 1877 in Paris uraufgefuehrte Opera-bouffe  "L'etoile" (Der Stern) erzaehlt die komische Geschichte des kleinen Koenigs Ouf, der anlaesslich seines Namenstages das Volk mit einer Hinrichtung begluecken will, aber ueber keinen Deliquenten verfuegt - bis er in einem Clochard namens Lazuli das passende Opfer findet, wegen (ungewollter) Majestaetsbeleidigung. Doch der Hof-Astrologe raet nach neuer Berechnung der Sterne vom Vorhaben ab und loest dadurch grosse Verwirrungen aus, in die auch die als Braut vorgesehene Prinzessin Laoula verwickelt wird.
Das Ganze: eine bizarre Farce mit allerlei satirischen Anspielungen. Und musikalisch eine charmante Mischung aus mal lustigen, mal melancholischen Chansons, kleinen, flinken Ensemble-Nummern und drei schwungvollen Finali.
Ob der amerikanische Regisseur (und Bariton) Dale Duesing gut beraten war, die grotesk-ueberdrehte Komoedie aus dem Paris des spaeten 19.Jahrhunderts in eine doppelstoeckige, karge Hotelhalle mit Treppe und Fahrstuhl im Stil der Sixties des 20.Jahrhunderts zu verlegen, mag dahingestellt sein. Dass ihm aber nur ein paar angedeutete Tanzschritte fuer den Chor und einige musical-synchrone Handbewegungen fuer die Solisten einfiel, und dass er sich ansonsten auf altbackenes Rampen-Theater verlies, macht aus der leichten, franzoesischen Komoedie ein ziemlich schwerfaelliges, deutsches Lustspiel (trotz franzoesischer Sprache).
Gluecklicherweise lassen die klangschoen spielende Staatskapelle und ihr fulminanter Gast-Dirigent Sir Simon Rattle schnell darueber hinweg-hoeren. Subtil, duftig und elegant - ein Schwelgen in raffinierten Rhythmen und zarten Melodien, aber auch - wenn noetig - mit belebend-zupackendem Schwung - besser kann Chabriers Musik nicht praesentiert werden. Dazu ein Ensemble handverlesener Solisten, allen voran Magdalena Kozena mit geschmeidigem, hell timbrierten Mezzo in der Hosenrolle des kecken Clochards Lazuli,  sowie der herrlich tenor-kraehende Jean-Paul Fouchecourt als spleeniger, kleiner Koenig. Auch die uebrigen Saenger bezaubern durch beschwingtes Spiel und pointiertes Singen: Stella Doufexis, Juanita Lascarro, Douglas Nasrawi, Giovanni Furlanetto, Florian Hoffmann. Und mit schoenem, delikatem Klang: der Staatsopernchor (wenn auch szenisch schlecht gefuehrt und haesslich gekleidet).
"L'etoile" wird durch diese Inszenierung wohl kaum in den Himmel des Opern-Repertoires aufsteigen, aber eine musikalische Stern-Stunde fuer Chabrier war der Abend dank des Ehepaares Rattle-Kozena schon - vielleicht sass ja ein williger Schallplatten-Produzent im begeisterten Publikum.

Foto: Monika Rittershaus/ Staatsoper Unter den Linden

naechste Vorstellungen: 19./ 23./ 27./ 30. Mai


Letztes Update: 17-05-2010 18:42

 
Beklagenswerter Leerlauf: "Symphony of sorrowful Songs" in der Staatsoper *
am 29-04-2010 11:35


Zu Beginn des Abends liegt Vladimir Malakhov fast nackt in einem farblosen Plastiksack auf dem Buehnenboden. Zu den getragenen Klaengen der 3.Symphonie von Henryk Gorecki schaelt er sich langsam aus der Huelle, zieht ein Paar bereitstehende Stiefel an und stuelpt sich eine Russen-Muetze auf den Kopf. (Spaeter findet er -hinter der Buehne- auch noch eine dunkle Hose). Mit expressiven Koerperhaltungen, gespreizten oder abgewinkelten Bewegungen, marschiert er durch die folgenden Bilder, bis er am Ende -erschoepft? - sich den Plastiksack wieder ueberstreift und von einer Dame im schwarzen Abendkleid mit rotem Klebeband umwickelt wird.
Schmale, hohe Waende gleiten von rechts nach links und von oben nach unten, mal bilden sie so ein Kreuz, mal ein Gitter. Sechs Taenzerinnen, zuerst als gleichgekleidete, strenge Sekretaerinnen auf hohen Absaetzen, dann als Mannequins im kleinen "Schwarzen" kostuemiert, schreiten als attraktive Chorus-Line durch den mal hell, mal dunkel ausgeleuchteten Buehnenraum. Als Gegen-Part zeigen sieben Taenzer viel nackte Brust oder fahren in weissen Matrosen-Anzuegen auf Fahrraedern recht geschickt umher. Zwischendurch gibt's kleine Tanzeinlagen, einen Pas-de-Deux zwischen Malakhov und Nadja Saidakova, ein Trio aus drei sich umschlingenden und verknotenden Herren,  oder -  sozusagen als munteres Zwischenspiel - eine Tango-Nummer fuer das gesamte Ensemble.
"Eine Reise durch die Zeit" wollte der rennomierte, slowenische Theaterregisseur Tomaz Pandur gestalten, unterstuezt vom choreographierenden, ehemaligen Star-Taenzer des Staatsballetts Ronald Savkovic. Doch die Bilder bleiben unklar und raetselhaft,  die Bewegungen beliebig und nichtssagend. Die Mischung aus Theater und Tanz, gesprochenem Wort (hier: Hanna Schygulla vom Band) und Musik sollte ein Aufbruch des Staatsballetts zu neuen Ufern sein, doch ein solches war auf diesen theatralischen Schmalspur-Pfaden kaum zu finden. Was bei einer so hochgesteckten Idee, ein philosophisches Phaenomen wie die Zeit auf der Tanzbuehne zu ergruenden, einfach misslingen musste.
Immerhin wurde es die kuerzeste Geschichte der Zeit seit Stephen Hawking:  nach 70 Minuten war Schluss!

Foto: Enrico Nawrath / Staatsballett Berlin



Letztes Update: 29-04-2010 12:21

 
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